ZurückNicht nur die Demenz ist ein fortlaufendes Problem

Betreuung Dementer, zwischen Anforderungen und Möglichkeiten

Vor dem demographischen Hintergrund, dass aktuell 1,2 Mio. Bürger von Demenzerkrankungen und bis 2040 mehr als 2,5 Mio. Bürger betroffen sind, darf es nicht bei der Moderation der Thematik bleiben. Es gibt medizinisch und pflegerisch viele Konzepte, die aufgrund der politischen und finanziellen Rahmenbedingungen nur in wenigen Fällen realisierbar sind.

Die Pflegeversicherung hat die Leistungen für die Pflege und Betreuung Dementer im wesentlichen ausgeblendet und so stehen die Leistungserbringer der Medizin und Pflege stets im Spannungsfeld zwischen notwendigen und realisierbaren Maßnahmen zur Betreuung Dementer.

Straf- und zivilrechtliche Auseinandersetzungen gegen Pflegeheime und Pflegende häufen sich. Die dementen Bewohner und Patienten sind in ihrer Weglauftendenz einer hohen Selbstgefährdung ausgesetzt. Ungerechtfertigte Fixierungen und Stürze von Altenheimbewohnern werden medienwirksam skandiert. Bewegungsübungen und die prophylaktischen und vorbeugenden Maßnahmen z. B. gegen Druckgeschwüre und Stürze sowie die individuelle Betreuung von Demenzkranken erfordern eine hohe Fachlichkeit und ein angemessenes Zeitfenster.
Pflegende dürfen nicht weiter durch Rahmenbedingungen kriminalisiert werden.

Pflegeversicherung

Von der Teilkasko - zur Risikosteigerungsversicherung?

Die Reform der Pflegeversicherung darf nicht noch weiter aus wahltaktischen Gründen hinausgeschoben werden. Millionen Pflegebedürftige und Angehörige stehen im sozialpolitischen Regen. Der Ansatz einer Novellierung im Dezember 2003 wurde bereits nach 4 Wochen durch den Bundeskanzler „zurückgepfiffen“. Dieses war zunächst zu begrüßen, da hier eine radikale Reduzierung der Leistungen für die stationäre Versorgung und nur eine geringe Anhebung für den ambulanten Bereich vorgesehen war. Die Zukunft kann nur in einem integrierten Versicherungssystem zwischen Krankenkassen und Pflegekassen liegen. Die politisch postulierte integrierte Versorgung ist nicht umzusetzen, wenn auf Sachbearbeiterebene der Patient nach Pflegeversicherungs- und Krankenversicherungsleistungen auseinandergenommen wird.

Prophylaktische Maßnahmen müssen selbstverständliche Verordnungsleistungen werden. Hierin liegt nicht nur ein human-ethischer Aspekt zur Vermeidung von z.B. Druckgeschwüren, sondern auch ein ökonomischer, indem bei finanzierter Vorbeugung mehr als 2 Milliarden Euro Folgekosten durch Behandlungskosten eingespart werden könnten.


Entbürokratisierung
Chance oder Gefahr für die Pflege ?!

Ein Unwort des Jahres lautet „Entbürokratisierung“. Politiker verstehen darunter Einsparung von Personalkapazitäten, Pflegende missverständlich Arbeitserleichterung.
Die Gefahr besteht für die Einrichtungen und Pflegenden darin, dass sie bei reduzierter Dokumentation des Pflegeverlaufs im Sinne der Beweisführung bei strafrechtlichen und zivilrechtlichen Klagen „schlechte Karten“ haben,

denn was nicht dokumentiert ist,
ist auch nicht geschehen.

Beispielhaft sei das Urteil des OLG Dresden vom 23.09.04 (AZ 7U735/04) angeführt. Hier musste ein Pflegeheim 86.000 Euro an die Krankenkasse zahlen, nachdem eine Bewohnerin gestürzt war und sich eine Halswirbelfraktur mit Lähmung aller 4 Extremitäten zugezogen hatte.

Die Krankenkasse forderte Ersatz der Kosten für die 3-monatige Krankenhausbehandlung bis zum Tode der Patientin.
Die Pflegeeinrichtung konnte aufgrund der Dokumentation nicht beweisen, dass alles unternommen wurde, um diesen Sturz zu verhindern.

Für die Sozial- und Gesundheitspolitiker wäre der Ansatz von Erwin Böhm, Wien, zu fordern:

„Verwirrt nicht die Verwirrten“!

ZurückRolf Höfert
Experte für Pflegerecht
Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes (DPV) e.V
Mittelstr. 1, 56564 Neuwied